Bis zum 50jährigen Bestehen im Jahre 1909 hatte die Kasseler Imkerorganisation die übliche Entwicklung aller Imkervereine an Regierungshauptstädten hinter sich: Unter Mithilfe oder gar auf Initiative der Landesherren waren in den 60erJahren des vorigen Jahrhunderts Bienenzüchtervereine für ihr jeweiliges Territorium gegründet worden, die zunächst die führenden Kreise des Landes umfassten: Beamte, Gutsbesitzer und wohlhabende Bürger in den Städten. Die Landes-Bienenzuchtvereine vergrößerten sich allmählich durch die wirtschaftlich weniger begüterten Schichten, die keine weiten Reisen zu den Versammlungsorten machen konnten. So entstanden allmählich in den Kreisstädten und Marktflecken Zweigvereine, die sich auch als Sektionen o.ä. bezeichneten. Der Verein Kassel bezeichnete sich ab 1909 viele Jahre hindurch als „Bezirksverein Cassel und Umgebung“. Der kurhessische Dachverband umfasste damals 20 Bezirksvereine. Er trug damals den Namen „Hessischer Bienenzüchterverein“ und hatte seinen Sitz in Kassel. Zusammen mit den anderen regionalen „Ur“-vereinen Oberhessen, Rheinhessen und Starkenburg war er zum „Verband Hessischer Bienenzüchter“ zusammengeschlossen, der etwa dem heutigen Landesverband Hess. Imker entsprach.

Für die Kasseler Imker bedeutete es einen großen Vorteil, dass sie nicht nur am Regierungssitz, sondern auch am Sitz des kurhessischen Dachverbandes saßen. Dadurch stellten sie führende Persönlichkeiten zur Verfügung, deren organisatorische Fähigkeiten sich weit über den engeren Bereich hinaus auswirkten. Dazu kam die Neigung der Nordhessen, bewährte Vorstände möglichst lange und stetig regieren zu lassen.

Die überragende Persönlichkeit als Vorsitzender war damals der Schulinspektor (später Schulrat) Heinrich Theodor Kimpel, der 1905 den 40 Jahre hindurch bewährten Kantor F. Wiegand als Vorsitzenden des Hessischen Bienenzüchtervereins abgelöst hatte. Kassen- und teilweise Schriftführer bis 1933 war der bewährte Konrektor Hermann Fett in Niederzwehren, später Wolfhagen.

Kantor Wiegand

Kantor Wiegand

Das imkerliche Leben und die Imkerpolitik unterschieden sich kaum von dem anderer Industriestaaten: Im Austausch gegen die Industriegüter mussten landwirtschaftliche Produkte importiert werden, wie es auch heute noch der Fall ist. Der geringe Importzoll auf ausländischen Honig schützte nur unvollkommen. Die Bäume der Imker wuchsen ebenso wenig wie die der übrigen Landwirtschaft in den Himmel. Da trat eine unvorhergesehene gewaltige Veränderung ein:

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen

Ähnlich wie das übrige Volk traf der Erste Weltkrieg 1914 die Imker völlig unvorbereitet. Hatten sie bis dahin steuerfreien Zucker (vergällt mit Sand oder Holzkohle) bekommen, so wollte die Fabrik plötzlich nur kleine Mengen von höchstens 100 kg (das war damals ein Sack) liefern. Wo die Bienenväter zur Waffe gerufen wurden, verwaisten die Bienenstände. Dies geschah vollends, wenn der Imker gefallen war. Deshalb erging in den Imkervereinen immer wieder der Aufruf zu gegenseitiger Hilfe (genauso wie einige Jahrzehnte später im zweiten Weltkrieg).

Dazu kam etwas Besonderes: Die Russen besetzten im Winter 1914/15 vorübergehend beträchtliche Teile Ostpreußens. Die Bienenstände wurden geplündert und verwüstet. An die Imkerschaft im Reich erging 1915 der Ruf, für die verwüsteten Teile Ostpreußens Schwärme zu spenden. Ein aus dem Kreis Wolfhagen stammender ostpreußischer Imker richtete speziell an den Verein Kassel die Bitte um zwei Völker.

Im Übrigen normalisierte sich allmählich die Belieferung mit vergälltem Zucker in begrenzten Mengen. Der Kasseler Verein hielt regelmäßig seine Versammlungen in wechselnden Lokalen.

Schlimmer waren die Verhältnisse nach dem ersten verlorenen Krieg (genau wie nach dem zweiten). Wieder stand die Zuckerversorgung an der Spitze der Vereinsaktivitäten. Während im Krieg das Interesse an der Bienenzucht zunächst zurückgegangen war, nahm es in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegs-Hungerjahren wieder zu. Die „Zucker“imker stießen hinzu, obwohl die Zuckerversorgung nach wie vor das größte Problem war und von den Vereinsvorständen einen unvorstellbaren Einsatz erforderte. Einmal wurde die 2. Einfütterungs-Zuckerrate von zweieinhalb Pfund erst im Januar zur Verfügung gestellt mit dem Rat, im Februar Leerwaben mit Zuckerlösung zu füllen und an den Bienensitz zu hängen.

Eine weitere Belastung der deutschen Bienenwirtschaft waren die Reparationslieferungen von 75.000 Korbbienenvölkern mit Honig an Frankreich. Sie wurden schließlich durch die Imkerschaft in Hannover, Braunschweig und Oldenburg aufgebracht, wo es noch Korbbienenvölker gab.

Am schlimmsten war die Inflation nach dem ersten Weltkrieg, die langsam begann und dann wie eine Lawine wuchs. bis sie 1923 gestoppt werden konnte. Zunächst ließ sich alles ganz harmlos an. Neue Namen tauchten am Imkerhimmel auf. Hegemeister Suchier hielt begehrte Fachvorträge. Der Name Hause taucht erstmals als Fachredner auf. Der Verein erhöhte den Beitrag 1920 auf 6,- Mark, Gerstung sagte ein Ansteigen des Honigpreises auf 20 bis 25 Mark voraus. Es kam aber viel schlimmer mit fortschreitender Inflation. Die Schiebereien nahmen zu. Mitte 1922 wurde die Zuckerernte 1922/23 beschlagnahmt. Die Imker wurden aufgefordert ihre Zuteilung schnell zu beziehen, weil am 1. Dezember der Preis um 150 Prozent steigen würde. Zucker gab es nur gegen Vorauszahlung und Rückgabe der 100-kg-Jutesäcke, sonst mussten je Sack 200 Mark Ersatz geleistet werden. Als erste Beitragsrate für 1923 wurden zuerst 200,-, dann 300,- Mark angefordert.

Das Tempo und die schlimmen Folgen der Inflation wurden verstärkt, als die Franzosen das Rheinland und das Ruhrgebiet besetzten, um ihre Reparationsansprüche durchzusetzen. Die deutsche Wirtschaft lag dadurch völlig darnieder. Die Bevölkerung im Ruhrgebiet hungerte beispiellos, so dass die Bevölkerung im unbesetzten Teil Deutschlands zur Ruhrhilfe aufgerufen wurde. An die Imker des Vereins Cassel erging die Aufforderung, ein Pfund Honig zu spenden. Gegen Ende der Inflation, um Mitte 1923, war der Preis für ein Pfund Honig auf 100.000 bis 150.000 Mark gestiegen. Um ein Weitererscheinen der BIENE zu ermöglichen, wurden die Vereine aufgefordert, für das Restjahr 1923 25 Goldpfennige je Mitglied zu überweisen, was dem gegenwärtigen Wert von 250 Milliarden Mark entsprach (1 Goldmark waren 1 Billion DM am Ende der Inflation). Zur Erklärung einige Worte zur damaligen

Stellung der Verbandszeitschrift DIE BIENE

DIE BIENE bestand von Anfang an, also seit dem Bestehen der großen hessischen Regionalvereine Starkenburg, Rheinhessen, Oberhessen und Kurhessen als Verbandsorgan. Jedes Mitglied erhielt DIE BIENE. Der Bezugspreis wurde mit dem Mitgliedsbeitrag erhoben. Es herrschte also praktisch Pflichtbezug, der in Hessen erst nach dem letzten Krieg aufgehoben wurde. (In einigen Landesverbänden besteht er bis auf den heutigen Tag weiter.) Der Pflichtbezug hatte zur Folge, dass der Bezugspreis zwischen dem Dachverband und der Druckerei Brühl in Gießen nach Bedarf ausgehandelt wurde. Dadurch hatten die Verbände den Schriftleiter zu ernennen und übten einen größeren Einfluss auf Inhalt und Aufmachung ihrer Zeitung aus. Langjähriger Schriftleiter war damals der angesehene Schriftleiter Hensel in Hirzenhain (Vogelsberg). Er unterhielt zugleich den damals einzigen Lehrbienenstand, der auch von den Imkern aus Kurhessen besucht wurde.

Bienenstand des Lehrers Hensel in Hirzenhain

Bienenstand des Lehrers Hensel in Hirzenhain

Die Imker und ihre Organisation von der Inflation 1923 bis zum Ende der Weimarer Republik

Nach der „Normalisierung“ der Wirtschaft im Jahre 1923 war wie nach der Währungsreform 1948 das Interesse an der Bienenzucht gesunken. Die „Zuckerimker“ verschwanden, die Mitgliederzahlen der Vereine sanken stark ab. Importhonig drängte zu Billigpreisen auf den Markt.

Durch den Vermögensverfall war 1923/24 die Armut teilweise grenzenlos. Imker verweigerten die Zahlung der Mitgliedsbeiträge. Die Vereine hatten teilweise Schulden machen müssen, deren Tilgung Mühe bereitete. Der Honigabsatz bereitete die größten Schwierigkeiten. Fieberhaft wurde nach einem Ausweg gesucht. Der Imkerverein Kassel teilte Ende 1924 mit, dass er „im Hause Oberste Gasse 27 eine Honigverkaufsstelle eingerichtet hat. Das Mitglied Hause stellte hierfür den Laden unentgeltlich zur Verfügung.“

In der Dachorganisation liefen inzwischen die Bemühungen zur Abgrenzung von der wachsenden Flut des Auslandshonigs durch Schaffung eines Einheitsglases und Garantiezeichen für deutschen Honig auf Hochtouren. Dies vor allem, nachdem sich unsere Dachorganisation, die „Deutsche Imkervereinigung“, am 1. 8. 1925 die Bezeichnung „Deutscher Imkerbund“ zugelegt hatte und der Preußische Landtagsabgeordnete Kickhöffel in das Führungsgremium kam. Auch im Imkerverein Kassel ist trotz gesunkener Mitgliederzahl das Vereinsleben aktiver geworden. Am 24. und 25. Oktober 1925 wurde das 60jährige Bestehen gefeiert. Justizobersekretär Paul Weckwerth teilte mit, dass er aus der Hand des verstorbenen Gerichtsassessors Matern das Amt des Schriftführers der kurhessischen Imkervereine übernahm. Neu taucht auch der Name des späteren Amtsanwaltschaftsrats Wenkebach auf, der in den folgenden Jahren noch eine bedeutende Rolle spielen sollte. Der Kasseler Verein bezeichnete sich übrigens 1925 erstmalig als „Imkerverein Kassel u. Umg. e. V.“.

1926 wurde die Notlage der deutschen Imkerei auf einer Sondertagung in Berlin behandelt, an der die „Imkerführer und Schriftleiter“ und auch Forscher teilnahmen. Die Not der Imkerei hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der preußische Oberregierungsrat Gerriets erwarb sich durch seine Mitarbeit am Einheitsglas und dem Aufbau der Lehr- und Versuchsanstalten für Bienenzucht besondere Verdienste. In der BIENE beschreibt Heinrich Hupfeld aus Altenritte erstmals seine Erfahrungen mit sanftmütigen Bienen, mit deren Zucht und Weiterverbreitung er sich in der Folgezeit große Verdienste erwarb.

Ein schwerer Schlag traf die gesamte hessische, vor allem die kurhessische und Kasseler Imkerschaft durch den Tod von H. Th. Kimpel am 5. Januar 1928. Aus den Nachrufen geht eindeutig hervor, welche außergewöhnliche Persönlichkeit dieser Mann war. Sein Nachfolger für Kurhessen wurde Wenkebach, 2. Vorsitzender im Verein Kassel der spätere Rechtsanwalt Platner.

Wie stets in Notzeiten war die Aktivität der Imker und ihrer Vereine groß. 1928 wurde die Lehr- und Versuchsanstalt für Bienenzucht in Marburg gegründet, die eine rege Schulungstätigkeit entfaltete, auch in den Kasseler Raum hinein. 1929 gibt der Kurhessische Verein die Schaffung einer „Honigausgleichs- und Reklamestelle“ bekannt. Der Verein Kassel veranstaltet am 5. Mai ein Frühlingsfest mit einem reichhaltigen Programm. Der Kurhessische Verein errichtet eine Seuchenkasse. Zum ersten Mal taucht in der BIENE der Name Vogelsang mit einem Aufsatz über Honigabsatzgenossenschaften auf.

Die Bienenzucht im Dritten Reich und nach dem Zusammenbruch

Das Dritte Reich brachte für die Imkerei radikale Veränderungen. Die demokratische Gesetzgebung und Verwaltung wurde auf das Führerprinzip umgestellt. Die Organisationen wurden der neuen politischen Gebietseinteilung angepasst. Der Regierungsbezirk Kassel (das ehemalige Kurhessen) und Waldeck wurden zum Gau Kurhessen, Hessen-Darmstadt und der Reg-Bez. Wiesbaden zum Gau Hessen-Nassau zusammengefasst. Der Deutsche Imkerbund wurde in „Reichsfachgruppe Imker im Reichsverband deutscher Kleintierzüchter“ umbenannt. Sie gliederte sich in Landesfachgruppen, diese in Kreis- und/oder Ortsfachgruppen.

Mit dieser Einteilung waren erhebliche personelle Veränderungen verbunden. Vor allem auf höherer Ebene verschwanden alte verdiente Imkerführer und wurden überwiegend durch parteipolitisch bewährte „alte Kämpfer“ besetzt. So verloren erfahrene gewählte Vorsitzende wie Wenkebach Posten und Einfluss. Zum Vorsitzenden der Landesfachgruppe Imker Kurhessen wurde der bis dahin unbekannte Lehrer Berndt ernannt, der bald darauf durch Lehrer Aßmann, Vollmarshausen, abgelöst wurde. Diese Art der Organisation bestand bis heute in den Ostblockstaaten! Im Übrigen profitierte die Imkerei im Dritten Reich durch die starke Förderung der Landwirtschaft. Das Deutsche Reich sollte sich möglichst aus eigener Scholle ernähren, Devisen waren größte Mangelware. Zwar wurden Festpreise eingeführt, aber der Druck des Importhonigs hörte auf. Die Sachgebiete wurden straff organisiert und durch fachlich tüchtige Obleute besetzt. Zu keiner Zeit waren Zuchtwesen, Seuchenbekämpfung, Honiggewinnung und -vermarktung, Beobachtungs- und Wanderwesen so straff und erfolgreich organisiert und finanziell gefördert wie damals. Der Rückgang der Imkerei in der Weimarer Republik wandelte sich in eine Blüte.

Der unselige Zweite Weltkrieg endete in einer Katastrophe. In den Vereinen und auf den Bienenständen fielen wieder Amtsträger und Standbesitzer aus. Kameradschaftshilfe war gefragt, aber nicht immer erfüllbar. Futterzucker gab es nur gegen Honigablieferung, was eine erhebliche organisatorische Belastung brachte.

In Kassel war inzwischen die Fa. Honig-Hause aus der Fa. Uhren-Hause hervorgegangen. Sie gewann bei der Erfassung des Ablieferungshonig im Dritten Reich eine Schlüsselstellung und schließlich auch das Vertrauen der amerikanischen Besatzungsmacht. Hierdurch konnte sie auch die Freigabe von Bienenfutterzucker erleichtern helfen und erhielt den ersten Importhonig der US-Besatzungszone aus den USA. Es war billigster Buchweizenhonig, dessen Spülwasser an den 120-Völker-Stand von Hause verfüttert wurde und gleich bei gut drei Dutzend Völkern die Bösartige Faulbrut verursachte. Das war wohl der erste von vielen folgenden Fällen einer Einschleppung der Faulbrut in der Nachkriegszeit durch Importhonig.

Bei der Auswahl und Bestätigung der Verbands- und Vereinsvorsitzenden vollzog sich derselbe Vorgang wie zu Beginn des Dritten Reiches. Die politisch stärker belasteten Vorstände waren bereits abgetreten, die verbliebenen oder neugewählten bedurften einer Bestätigung durch die Besatzungsmacht. Jetzt tauchte der Name von Rechtsanwalt Platner, heute in Witzenhausen wohnend, wieder auf. Er wurde als kommissarischer Vorsitzender der kurhessischen Imker eingesetzt. Ein feiner und gebildeter Mann, der den Anforderungen der rauhen Wirklichkeit nach dem Zusammenbruch nicht gewachsen war. Sobald es möglich war, wählte der Verband kurhessischer Imker einen eigenen Vorstand mit Dr. Fahr an der Spitze.

Im Kasseler Verein ergriff schließlich Heinrich Schädel die Führung. Er schuf sich und seinem Verein einen Namen, vor allem durch die Hessischen Imkertage in Kassel, die ihn schließlich auch auf den Posten des zweiten Verbandsvorsitzenden emporsteigen ließen. Von der alten Garde machten sich im Verband noch die Mitglieder Grote und Weckwerth in dem Umbruch der Nachkriegszeit verdient. Im Übrigen musste neu angefangen werden, denn der unmenschliche Bombenkrieg hatte in Kassel alle Verbandsunterlagen, darunter auch wertvolles historisches Material, vernichtet.

(nach K. Dreher, Festschrift 21. Hessischer Imkertag Kreisimkerverein Kassel 1865-1990 125jähriges Bestehen)

 

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